Milonga Review
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15 Nov 2025
Die „Práctica de los Lunes“ und die anderen Abendmilongas im El Beso
Das „El Beso“ in Balvanera (Riobamba 416 / Ecke Corrientes) ist einer meiner liebsten Orte zum Tangotanzen in BA – und übrigens der Ort, an dem ich vor über zwanzig Jahren (2004) meine ersten Tandas in Buenos Aires getanzt habe. Aber jeder, der sich auskennt in Buenos Aires, weiß natürlich, dass der Ort und die Milonga zwei ganz verschiedene Dinge sind, und das gilt im El Beso ganz besonders, denn hier finden an jedem Abend und jedem Nachmittag Milongas statt, und jede hat ihren eigenen Charakter, ihre eigenen Veranstalter, ihr eigenes Publikum und ihre eigene Atmosphäre.
Zu meinem großen Bedauern kann ich fast keine der Abendmilongas für Touristinnen empfehlen, die nur kurze Zeit in Buenos Aires sind und somit kaum eine Chance haben, sich hier als ‚habitués‘ (Stammgäste) zu etablieren: Denn man bleibt hier vorzugsweise unter sich, die Stammgäste tanzen vor allem mit den Frauen, die sie kennen, natürlich am liebsten mit jungen und hübschen Frauen, die hier immer in großer Zahl vertreten sind: Im El Beso ist der „Frauenüberschuss“ (welch hässliches Wort!) strukturell sehr ausgeprägt, insbesondere in der touristischen Hochsaison in den hiesigen Sommermonaten, wenn in Europa und Nordamerika Winter ist. Es ist dann nicht ungewöhnlich, dass in den Milongas am Abend zwei Drittel des Publikums Frauen sind. Und wenn frau zu den etwas Älteren oder den weniger Attraktiven gehört, hat sie beste Chancen, den ganzen Abend nur zu sitzen, auch wenn sie eine gute Tänzerin ist. Am ausgeprägtesten ist dies im „Cachirulo“ der Fall, das am Dienstag und Samstag im El Beso stattfindet und in meinen Augen die ‚arroganteste Milonga‘ in Buenos Aires ist – siehe meinen Bericht über diese Milonga.
Für das „Cachirulo“ gilt wie für die meisten Abendmilongas im El Beso: Das Arrangement ist sehr konservativ und daher in zweierlei Hinsicht nicht günstig für Touristen oder Kurzzeitbesucher in Buenos Aires:
Erstens: Die Sitzordnung. Die Frauen sind auf den zwei gegenüberliegenden Seiten der Tanzfläche aufgereiht wie die Hühner auf der Stange, an den Seiten der Tanzfläche sitzen die Herren, von denen viele keineswegs besonders motiviert sind, Frauen aufzufordern, sondern viele Tandas einfach sitzen bleiben. Der Saal bietet auch keine Chancen herumzulaufen und aufzufordern … es ist oft frustrierend, was dort abläuft. (Wenn man als Paar kommt und zusammensitzen möchte, wird man meist in der hinteren Reihe platziert und bleibt sowieso unter sich – eine Frau in männlicher Begleitung wird in konservativen Milongas nicht aufgefordert.)
Zweitens: Stammplätze. Ein anderes ungeschriebenes Gesetz gilt in den meisten Abendmilongas im El Beso: Die Stammgäste haben ihre festen Stammplätze, und das sind natürlich die besten Plätze an der Tanzfläche, was angenehm für die ‚habitués‘ ist. Es heißt aber umgekehrt für Touristinnen (und Touristen), dass man in der Regel auf einen schlechten Platz – irgendwo hinten in der Ecke – platziert wird, wo man erst recht nicht wahrgenommen wird. Für männliche Touristen ist das nicht so tragisch, sie können sich ja im Zweifelsfall in Bewegung setzen, für Frauen kann es aber sehr frustrierend sein.
Lange im El Beso etablierte Milongas dieser traditionellen Art sind neben dem „Cachirulo“ auch das „Lujos“ am Donnerstag und die „Milonga de los Domingos“ am Sonntag. Das Tanzniveau – im klassischen Milonguero-Stil – ist überwiegend gut, die Gastgeberinnen (Lucía & Oscar; Susana Molina) sind sehr freundlich, und wer etwas regelmäßiger kommt, kann dort schöne Abende verbringen; ich habe etliche schöne und manche weniger schöne Abende in diesen Milongas zugebracht.
Am Mittwochabend fand viele Jahre lang die Milonga „Porteño y Bailarín“ im El Beso statt, die aber 2025 umgezogen ist an ihren ursprünglichen Ort, der jetzt „Espacio Riobamba“ heißt und nur einen Block weiter gelegen ist (Riobamba 345, jetzt am Sonntagabend). Anschließend fand dort eine Zeitlang die „La del Centro Milonga“ von Carolina Couto statt, die zuvor im Salón Marabú logierte. Sie konnte sich allerdings hier nicht etablieren und wurde Anfang 2026 wieder eingestellt.
Auch die „Bravita Milonga“ (am Freitag) ist noch nicht sehr lange im El Beso; sie wird von einer jüngeren Veranstalterin gemacht und hat sich als ‚late-night-Milonga‘ etabliert (bis morgens um 5 Uhr). Sie soll immer sehr gut besucht sein, vor allem ab dem frühen Morgen und eher von einem jüngeren Publikum; ich war allerdings nur einmal dort und kann sie darum nicht wirklich beurteilen.
Der einzige Abend, der im El Beso etwas lockerer abläuft und wo ich gern hingehe, ist die „Práctica de los Lunes“ am Montag, die von Laurence Martin und Ezequiel Ferrara organisiert wird: Sie beginnt um 22.15 Uhr und endet um 2 Uhr, nach dem vorangehenden (sehr guten) Unterricht mit der großartigen Tänzerin und Lehrerin Maria Plazaola (von 20.30 bis 22 Uhr). Die Milonga ist nicht so überfüllt wie die meisten Abendmilongas im El Beso, so dass man hier wirklich entspannt tanzen kann. Sehr wichtig auch: man sitzt am Montagabend in lockerer Anordnung – auch an gemischten Tischen – rings um die Tanzfläche und nicht, wie an den meisten anderen Abenden im El Beso, in der traditionellen Anordnung. Die Atmosphäre ist warm und herzlich, für Geburtstagskinder wird eine Torte spendiert und ein Geburtstagsvals, an dem (fast) alle Tänzer der Milonga teilnehmen. Die Gastgeber sind freundlich und aufmerksam, ich bin gerne hier.
Die Abendmilongas im El Beso im Überblick:
Montag: Práctica de los Lunes, 22.15 – 2 Uhr
Dienstag: Cachirulo, 21.00 – 3.00 Uhr
Mittwoch: zur Zeit keine Milonga
Donnerstag: Lujos, 20.30 – 3.00 Uhr
Freitag: Bravita Milonga, 22.00 – 5.00 Uhr
Samstag: Cachirulo, 21.00 – 3.00 Uhr
Sonntag: Milonga de los Domingos, 21 – 3 Uhr
Eze Ferrara and Laurence Martin
+1 (917) 434-1108
Milonga Details
Event Type
Traditional Milonga
Category PIA
PIA
Accessibility
***
Age Group
40 - 70
Start time
10:15 pm
Duration
3 hours and 45 minutes, 1.45 hours class before the Milonga
Milonga Location
Riobamba 416, C1025 Cdad. Autónoma de Buenos Aires, Argentina


